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Freiheit oder Ruhm?

Die gestalterische bachelorarbeit als Dienst an der Menschheit

Wenn es bei uns Illustrationsstudenten der HSLu Design & Kunst Luzern ans Eingemachte geht und wir uns nach 3 Jahren Studium für ein Thema zur gestalterische bachelorarbeit entscheiden müssen, so haben wir grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Wir suchen uns entweder ein Thema aus, welches uns schon lange persönlich beschäftigt, oder wir suchen uns einen Auftraggeber, der uns sagt, wo es lang geht.

Letzteres tun nur die wenigsten unter uns, da viele sich sagen, dass man nur einmal im Leben die Chance hat, ein kleines Stückchen Selbstverwirklichung zu erlangen. Leider hat visualisierte Selbstverwirklichung oft die Tendenz, auf Nimmerwiedersehen in einem planschrank zu verschwinden. Deshalb war ich gerne dazu bereit, auf dieses Stückchen Freiheit zu verzichten, um eine Arbeit zu zeichnen, welche wirklich verwendet und gesehen wird. Ein Dienst an der Menschheit, sozusagen. Ausserdem reizte mich die Herausforderung mehr, den Ansprüchen einer fremden person als meinen eigenen gerecht zu werden.

Wie mein Auftrag mich fand

Ich selber war für den Studiengang "Illustration non-fiction" eingeschrieben und beendete gerade eine Auftragsarbeit für das Zoologische Institut der universität Zürich. Über die gute alte Mundpropaganda hatte mein Auftraggeber Dr. Eric. p. Meyer davon erfahren, dass der ehemalige Leiter des anatomischen Institutes, prof. p. Groscurth, nach jemandem suchte, der "diverse Gefässe von Arm und bein" für ihn zeichnen würde. Dr. Meyer schlug mich vor und ich konnte mich mit dem professor im Februar, pünktlich zu beginn der bachelorarbeit, treffen. Herr Groscurth erstellt digitale Lernprogramme für Studierende, mit denen sie die Anatomie des Menschen auf dem Computer büffeln können. Für sein Lernprogramm "topographische Anatomie" suchte er nun noch anatomisch genaue Darstellungen von den Arterien und den Nerven von Armen und beinen, welche "webtauglich" sind, d.h in der richtigen Aufl ösung aber auch fähig, nur die Nerven oder nur die Arterien erscheinen zu lassen, oder beides zusammen. Zwar gibt es ähnliche Darstellungen bereits in diversen Anatomieatlanten, doch diese sind meist für den Druck und nicht fürs Web gedacht, also nicht interaktiv und enthalten ausserdem nie genau diejenigen Gefässe und Nerven, welche prof. Groscurth für wichtig erachtet. Fotografi erbar ist eine solche buchdarstellung nicht.

Als erste Anweisung bekam ich eine Liste mit den medizinischen begriffen der Arterien und Nerven in Armen und beinen, die er dargestellt haben wollte.

Da mein Auftraggeber ein emeritierter professor ist und seine Lernprogramme ehrenamtlich erstellt, konnte er mir keine bezahlung anbieten. Ich gab mich aber mit Ruhm und Ehre zufrieden, schliesslich hätte ich für ein selber gewähltes Thema auch kein Geld gekriegt. prof. Groscurth arbeitet derzeit an einem anatomischen Institut in Australien. Etwa einmal monatlich trafen wir uns an der universität Zürich, um meine Skizzen zu besprechen, oder dann eben per Mail und Skype.

Die Welt der Anatomiebücher

Den ersten Monat meiner Zeit für die bachelorarbeit habe ich vor allem mit Recherchieren und Skizzieren verbracht. In mühsamer Kleinstarbeit habe ich Äderchen für Äderchen an präparaten  der anatomischen Sammlung Zürich oder aus acht verschiedenen Anatomiebüchern (weil keine Anatomiedarstellung in den Medizinbüchern der anderen glich und man nicht einfach einer Illustration vertrauen kann) rausgesucht und erstmal aufskizziert, von den komplizierten lateinischen Nerven- und Arteriennamen mal ganz zu schweigen. Mein wichtigstes Hilfsmittel war ein Querschnittsatlas, also Fotografien einer in Scheiben geschnittenen Leiche. Dank diesem Atlas fand ich in diversen berühmten Anatomiezeichnungen viele Fehler und ungereimtheiten was den genauen Verlauf der Arterien und Nerven anging. Nur hatte der Querschnittsatlas das problem, dass er nur einzelne Stationen des Körpers zeigte, mit grossen Lücken dazwischen und zu alledem auch noch von oben! Mein Gehirn vollbrachte also diverse Spagate um aus einer lückenhaften flachen Darstellung von oben herab betrachtet, eine lückenlose plastisch wirkende Darstellung von der Seite her betrachtet, hinzukriegen. Die Arterien und Nerven zeichnete ich somit oftmals aus der Fantasie.

Es besser machen

Nachdem das "Korrekte" und "medizinisch Relevante" nach etwa der Hälfte der Zeit endlich abgeklärt war, konnte ich mich um die Gestaltung kümmern. An den vorhandenen Anatomiezeichnungen störte mich vor allem, dass sie fl ach wirkten und so die Information, wie weit eine Arterie oder ein Nerv von den Knochen entfernt war, fehlte. Ich liess die Zeichnung also durch Schattierung und Texturen plastisch wirken, die Arterien und Nerven habe ich zudem Schatten auf die Knochen werfen lassen. Damit der Schattenwurf realistisch wirkte, habe ich einzelne Stellen meiner Zeichnung mit plastilin nachgeknetet und in einer dunklen bananenkiste mit einer Tischlampe ausgeleuchtet, um den korrekten Schattenwurf zu studieren. und da die bilder später wohl nie gedruckt werden sondern immer nur am Schirm erscheinen würden, habe ich diese auch gleich an meinem Macbook mit dem Wacomtablet umgesetzt, also direkt in den Computer gezeichnet.

Ruhm und Ehre

Natürlich hat prof. Groscurth immer und überall wieder kleine Fehlerchen gefunden und ich, frustriert, wieder stundenlang daran gesessen, obwohl ich dachte, ich sei nun nach Monaten der Entbehrung endlich fertig mit meiner bachelorarbeit. Doch zum Glück sind Änderungen am Computer einfacher zu verwirklichen als analog.

Entstanden sind zwei Illustrationen des Skelettes mit umriss des Armes von vorne mit unabhängig einblendbaren Nerven und Arterien, sowie des beines von hinten und von vorne. Diese sind rein digital und anhand von Skizzen an echtem Objekt, ab Querschnittfotografi en, mit Kommentaren und groben Skizzen von prof. Groscurth und anhand von vorangegangenenmedizinischen Illustrationen entstanden.

Nachdem ich das Ausstellen der Arbeiten sowie die grosse präsentation vor der Studienleitung hinter mir hatte, traf ich mich ein letztes Mal mit Groscurth um ihm die bilder digital zu übergeben. Nach einem kurzen Crashkurs in bildbearbeitung am Computer konnte er diese in sein Lernprogramm einbauen und sie sind nun online für Medizinstudenten und Neugierige zugänglich. Ruhm und Ehre wurde mir Zuteil; nicht nur an der HSLu Design & Kunst kam meine Arbeit gut an, auch die Mediziner, welche ich während meiner Arbeit kennenlernte, waren glücklich damit. Das Team kennt nun meinen Namen und im Stillen kann ich nur hoffen, dass sie bald wieder etwas mehr budget zur Verfügung und einen interessanten Auftrag für mich haben werden. Ein Folgeauftrag in Form eines praktikums ist in Sicht : bald schon packe ich meine Koffer und gehe nach Australien. Ich bin gespannt, was sich mit der gewonnenen Erfahrung, dem Aufschalten meiner Arbeit aufs Internet und dem beziehungsnetz mit den Medizinern sonst noch so ergeben wird...

 
 
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