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Graphologie im bewerbungsverfahren

Wissenschaft oder Hokuspokus?

Wer nach dem Studium Karriere machen will, ist heute komplexen Bewerbungsverfahren ausgesetzt. Hohe Tiere wollen sorgfältig ausgewählt und auf Herz und Nieren geprüft werden. Ein umstrittenes Instrument?: die Graphologie.

Handschrift

Schreib mir was vor und ich sag dir, wer du bist?! Die Handschrift ist, wie die Gestik und Mimik, bei jedem Menschen etwas anders aber für andere les- und verstehbar. Sie setzt sich aus muskulären, kontextuellen und kulturellen Faktoren zusammen, die wiederum in der Handschrift zu entschlüsseln sind. Graphologen sind überzeugt, anhand der Schrift Aussagen über einen Menschen machen zu können, die dieser vielleicht nicht offen preisgibt. Damit sollen Bewerbungsverfahren vereinfacht werden?: Der potentielle Stelleninhaber kann durchleuchtet und seine Eignung über die Gesprächsaussagen hinaus festgestellt werden.

Arbeitsmethoden

Damit Graphologen sich an die Arbeit machen können, brauchen sie ein weisses Blatt Papier mit einem von Hand, mit Füller oder Kugelschreiber geschriebener Text (früher oft der Lebenslauf). Zusätzlich müssen sie Geburtsdatum, Geschlecht, Nationalität und das Land kennen, in dem das Schreiben erlernt wurde sowie wissen, ob die zu analysierende Person Rechts- oder Linkshänder ist. In der Analyse kommen verschiedene Faktoren zum Zug. Wichtig sind die Abstände zum Rand, zwischen Sätzen, Wörtern und Buchstaben sowie der Druck (Texte mit Filz- oder Bleistiften sind daher zu wenig deutlich). Ebenfalls aussagekräftig ist die Form der Buchstaben, ob lang, schmal, verschnörkelt, klein, übergrosse Anfangsbuchstaben, und so weiter.

Anhand der Handschriftenanalyse können Aussagen über verschiedenste Persönlichkeitsmerkmale gemacht werden?: Vitalität, Antrieb, Durchhaltevermögen, Belastbarkeit, Willensstärke, Konzentration, Teamfähigkeit, emotionale Stabilität, ungenutzte Fähigkeiten, Führungsverhalten und Urteilsvermögen.

Keine Auskunft gibt die persönliche Handschrift aber über Alter, Geschlecht, sexuelle Präferenzen, gesellschaftlichen Status, Krankheiten oder fachliche Qualifikation.
Ausbildung

Es gibt im deutschsprachigen Raum mehrere Schulen für Graphologie, die alle psychologische Modelle als Grundlage vermitteln. In der Fachschule für Graphologie in Gebenstorf nennt sich ein Modul "Psychologische Grundkenntnisse", dessen Inhalte die Individualpsychologie von Alfred Adler, die analytische Psychologie von Carl Gustav Jung und die Kommunikationstheorien von Friedemann Schulz von Thun sind. Auch die Schule für Graphologie in Zürich betont die Abstützung auf psychologische Theorien wie zum Beispiel die Gestalttheorie nach Knobloch?: "Graphologie ist demnach kein Test, sondern ein persönlichkeitsdiagnostisches Verfahren, das ein strukturiertes Gesamtbild der Persönlichkeit darstellen kann."

Graphologen empfehlen ihre Arbeit nicht nur als Instrument im Bewerbungsverfahren. Sie beraten auch in Persönlichkeits- oder in Beziehungsfragen. Ein graphologisches Gutachten kostet zwischen 180 und 450 Schweizer Franken.
Die Bezeichnung "Graphologe" ist kein geschützter Titel. Nach sechs Semestern Studium, Diplomarbeit und Prüfungen an der Schule für Graphologie in Zürich kann man sich "diplomierter Graphologe" nennen. Durch strenge Auswahlkriterien wird versucht, die Qualität der Arbeit von Graphologen auf hohem Niveau zu halten und sich von unseriösen Tätigkeiten schwarzer Schafe in den eigenen Reihen zu distanzieren.

Wissenschaftliche Legitimation fehlt

Studien, die Unterschiede in Handschriftanalysen von Graphologen und Laien feststellen wollten, konnten keine Beweise für eine wissenschaftliche Legitimation liefern, da beide Gruppen ähnliche Trefferquoten erzielten. Graphologie bleibt deshalb umstritten. Von den einen wird sie als Wissenschaft angesehen, von den anderen als Hokuspokus verschrien. Ihre Bedeutung nahm in den letzten Jahren daher ab.

Auf einer deutschen Website, spezialisiert in diesem Bereich, kann man sich einen Einblick in die Graphologie verschaffen. Nach Abschreiben eines vorgegebenen Textes beantwortet man zwanzig Fragen zum Schriftbild und erhält eine grobe Analyse seiner Persönlichkeit. Der Unterhalter der Seite betont, dass die Resultate nicht vergleichbar seien mit professionell erstellten Gutachten, sondern nur einen Einstieg in die Graphologie ermöglichen sollten. "Graphologie ist zum grossen Teil eine Wissenschaft", betont er. Die Trefferquote seines Tests liegt aktuell bei 82%. Wer die Fragen zu Höhe der Buchstaben, Art des Aufdrucks, Form der Buchstaben m und p beantwortet, erhält Aussagen wie: "Paul ist ein impulsiver, unsteter, vielseitiger und unkonventioneller Typ. Es fällt ihm nicht leicht, sich anzupassen. Er ist sinnlich, warmherzig, gemütlich und phantasievoll."

Graphologie in der Personalauswahl

Bei einer Umfrage im Jahr 1983 wurden 500 schweizerische Unternehmen zum Einsatz der Graphologie befragt. 32.3% gaben an, graphologische Gutachten in Auftrag zu geben, in Bewerbungsverfahren für Führungspositionen sogar 68.4%. Heute ist diese Zahl stark zurückgegangen. Instrumente wie Assessment-Center haben stark an Bedeutung gewonnen. Wird heutzutage ein graphologisches Gutachten angefordert, geschieht dies meist, um den Endkandidaten für eine Stelle zu bestätigen. Häufig ziehen sich Bewerbende zurück, wenn sie erfahren, dass Graphologie als Instrument zur Auswahl eingesetzt wird?: Unternehmen wirken damit heute unseriös.

Muss bei der Bewerbung ein handschriftliches Dokument eingereicht werden, bedeutet dies nicht, dass damit ein graphologisches Gutachten erstellt wird. Ein solches darf ein Unternehmen erst in Auftrag geben, wenn der Bewerbende ausdrücklich seine Erlaubnis gegeben hat.

Auch Graphologen betonen, wie wichtig es sei, Graphologie mit anderen Recruiting-Instrumenten wie Assessment-Centern, Leistungstests und Lebenslaufanalyse zu kombinieren, weil die einzelnen Instrumente sich so gegenseitig kontrollieren und ergänzen können. Mit modernen Lockwörtern rechtfertigt die Schule für Graphologie Zürich den Einsatz von graphologischen Gutachten: "Graphologie spart Zeit und Geld!"

 
 
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